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„Industrie 4.0 ist eine gute Idee“

Interview mit Yaskawa-Europe-Chef Manfred Stern zu 100 Jahren Yaskawa
„Industrie 4.0 ist eine gute Idee“

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1915 legte Keiichiro Yasukawa den Grundstein für das heute global tätige Unternehmen Yaskawa, das der leichteren Aussprache zuliebe auf das u im Gründernamen verzichtete. Die elektro AUTOMATION sprach mit Manfred Stern, President & CEO Yaskawa Europe, über die bewegte Geschichte und den Ausblick in den Bereichen Antriebstechnik und Robotik sowie Steuerungstechnik. Letztere betreut der Geschäftsbereich Vipa, der vielen Automatisierern ein Begriff ist.

Der Autor:Für die elektro AUTOMATION sprach Johannes Gillar, freier Fachjournalist in Leinfelden-Echterdingen, mit Manfred Stern

elektro AUTOMATION: Yaskawa feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag und gehört zu den weltweit führenden Herstellen von Servoantrieben, Frequenzumrichtern und Industrierobotern. Wo geht die weitere Reise hin?
Stern: Wir haben uns vorgenommen, als europäischer Hersteller wahrgenommen zu werden. Nicht etwa, weil wir nicht stolz darauf sind, zu einem japanischen Konzern zu gehören, sondern weil es wichtig ist, nah am Kunden zu sein. Wir müssen – wo immer möglich – die Schleife hier vor Ort in Europa schließen können. Und wenn ich sage Schleife, dann meine ich im ersten Schritt, dass wir in Applikationssupport investieren und dass wir von der technischen beziehungsweise Applikationsseite gemeinsam mit unseren Kunden Lösungen suchen. Im zweiten Schritt geht es dann darum, eigene Entwicklungen durchzuführen, denn was in der Region Europa wichtig ist und einen guten Markt darstellt, ist nicht notwendigerweise auch eine gute Idee für den Markt in Japan. Insofern haben wir diesbezüglich hauptsächlich für die Drives&Motion-Seite einiges unternommen. Bis 2009 hatten wir ein Joint Venture mit einem Partner, bei dem Yaskawa für den Support und die Lieferung der Geräte verantwortlich war und der Partner für die Vermarktung. Wir haben dann jedoch entschieden, dass wir als führender Antriebshersteller direkter mit dem Markt und den Kunden in den Dialog treten wollen. Sobald jemand dazwischen geschaltet ist, bekommt man nur ein gefiltertes Ergebnis. Die Veränderung hat sich ausgezahlt.
elektro AUTOMATION: Auch bezüglich des Umsatzes?
Stern: Ja, wir sind sowohl im Bereich Drives&Motion als auch bei Robotics im Vergleich zum letzten Jahr beim Umsatz prozentual im deutlich zweistelligen Bereich gewachsen. In der Robotik haben wir ein Wachstum von deutlich über 20 Prozent in Bezug auf die Stückzahl erreicht. Wir sind also auf dem richtigen Weg. Wir wollen in Sachen Wachstum auch weiterhin strategisch vorgehen und haben uns für jeweils drei Jahre vorgenommen, bestimmte neue Felder anzugehen. In der Robotik etwa wollen wir erreichen, dass der Roboter im Maschinenbau nicht mehr nur optionales Zubehör ist, sondern integraler Bestandteil der Maschine. Die ersten Partner haben dieses Konzept in ihren Maschinen umgesetzt.
elektro AUTOMATION: Wie sieht es bei den Marktanteilen aus? Wo stehen Sie derzeit in Europa?
Stern: Da muss man zwischen Drives&Motion und Robotics unterscheiden. Bei Robotics gehören wir definitiv zu den großen Playern, sowohl in Deutschland als auch in den anderen europäischen Ländern. Es gibt Länder, in denen wir die Nummer 1 sind bei der Anzahl der Roboter, die installiert sind. Und es gibt Länder, in denen wir die Nummer 2, 3 oder 4 sind – aber wir sind immer unter den Top 4. Zudem sind wir auch bei den Applikationen unterschiedlich aufgestellt. Geht es um Lichtbogenschweißen sind wir mit einem Marktanteil von 30 bis 40 Prozent die klare Nummer 1 – und das gilt für alle europäischen Länder. Im Bereich Punktschweißen, also im Karosseriebau bei den Automobilherstellern, sind wir nicht so stark. In diesem Bereich arbeiten wir mehr mit den Tier-1-Zulieferern zusammen. Als japanischer Hersteller haben wir nicht die Historie und langfristige Bindung, um direkt bei den deutschen Automotive-OEMs groß aufzutreten. Bei Drives&Motion sehen wir deutliche Unterschiede in den einzelnen europäischen Ländern. Während wir im Süden Europas zum Teil die Marktführerschaft besitzen, sehen wir insbesondere in Deutschland ein großes Wachstumspotenzial.
elektro AUTOMATION: Welche Trends sieht Yaskawa in den Bereichen Drives&Motion sowie Robotics?
Stern: In der Robotik wächst vor allem im unteren Leistungsbereich die Nachfrage. Da geht es um Assemblierung oder einfaches Material-Handling. In diesem Bereich ist der Automatisierungsgrad bisher recht bescheiden, so dass wir dort großes Potenzial sehen. Der andere große Trend sind sogenannte kollaborierende Roboter, das heißt, man möchte Roboter von Absperrgittern und Zellen befreien und sie in die Lage versetzen, direkt mit dem Menschen zu interagieren. In der Antriebstechnik ist der Haupttreiber, die Baugröße des Motors nochmal zu reduzieren, indem wir die Energieeffizienz weiter verbessern. Ein gutes Beispiel hierfür ist unser neuer Frequenzumrichter Sigma 7. Ein weiteres Thema ist, dass wir das Autotuning deutlich verbessert haben. Damit sind unsere Geräte in der Lage, sich selbstständig an die konkrete Anwendung anzupassen. Somit wird kein Ingenieur mehr benötigt, um den Abgleich der Servos an die Anlage vorzunehmen. Und das dritte ist – nichts Neues für uns –, der Qualitätsgedanke, der die Yaskawa-Qualität weiterhin aufrechterhält.
elektro AUTOMATION: Und welche Trends sehen Sie im Bereich Steuerungstechnik, also dem Geschäftsbereich Vipa…?
Stern: …der beschäftigt sich vor allem mit der integrierten Steuerung. Es wird zu einer Vermischung von einer reinen SPS-Steuerung und Motion Control kommen. Das Ergebnis wird eine sehr flexible Anlagen- oder Maschinensteuerung sein. Zudem wird man immer mehr Robotik in die Steuerung integrieren. In diesem Bereich hat Yaskawa viel Erfahrung und kann seinen Vorsprung nutzen, um diese übergreifende Integration zu realisieren. Die integrierte Motion-SPS-Funktionalität ist sehr wichtig, aber auch die originäre Vipa-Produktlinie werden wir weiter vorantreiben. Da wird es ein Update der traditionellen Produktlinien geben. Weitere Software-Tools inklusive der einfachen Ankopplung von SPS und Robotersteuerung vereinfachen die Integration bei komplexen Aufgaben. Hintergrund für letzteres ist, dass wir SPS-Programmierer in die Lage versetzen wollen, Roboter weitestgehend in SPS-Sprache zu programmieren, ohne Spezialist für eine spezielle Robotersprache zu sein.
elektro AUTOMATION: Kommen wir zum Thema Industrie 4.0, welchen Stellenwert hat dieses für Yaskawa?
Stern: Einen sehr hohen – die Frage ist aber, um was es denn eigentlich bei Industrie 4.0 geht. Ich denke, es ist ein hervorragender Ansatz, um viele Experten und Marktanbieter an einen Tisch zu bringen, die sich darüber austauschen, was gemeinsam getan werden kann, getan werden muss, um nicht in kleinen Schritten weiter zu automatisieren, sondern technologisch einen großen Sprung in der Entwicklung zu machen. Der Kern des Ganzen ist die Offenheit – das heißt, es muss der Zugriff auf die Datenbasis im jeweiligen Gerät vorhanden sein, wir müssen Daten in großen Mengen sehr schnell transportieren und speichern können. Außerdem ist es essentiell, dass verschiedene Komponenten miteinander kommunizieren. Die Standards die bei solchen Diskussionen entstehen, sind genau das, was die Industrie braucht. Insofern ist Industrie 4.0 zunächst einmal nur ein Schlagwort. Aber je mehr Leute daran beteiligt sind, über Lösungen nachzudenken und zu diskutieren, desto größer ist die Chance, eine Basis für eine qualitativ neue Herangehensweise zu schaffen.
Die Philosophie sagt, es braucht den Übergang von der Quantität zur Qualität, um wirklich einen revolutionären Schritt zu machen. Und genau das ist Industrie 4.0. Yaskawa macht da natürlich mit. Unsere Geräte erfüllen alle Voraussetzungen in Sachen Offenheit und Internetfähigkeit. Zudem verfügen wir über Cloud-Technologien, um auch die entsprechenden Dienste anbieten zu können. Was es jetzt noch braucht, sind gesetzliche Voraussetzungen, damit das Ganze rechtlich abgesichert ist. Und da denke ich, haben wir in Europa schon noch ein Stück Arbeit vor uns. Denn Datenschutz ist Länderrecht und damit müssen wir uns mit teilweise sehr unterschiedlichen Regeln auseinandersetzen. Da hoffen wir – wenn es die Industrie schafft, zusammenzuarbeiten –, dass auch auf der politischen Seite die entsprechenden Maßnahmen getroffen werden. Ich behaupte, wir sind technisch – das gilt für Yaskawa, das gilt aber auch für andere Anbieter – tatsächlich weiter, als wir es heute nutzen können, denn neben den fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen sind auch viele Kunden eher noch reserviert – Stichwort Datenschutz. Hier müssen wir als Hersteller technisch sicherstellen, dass das geistige Eigentum geschützt ist.
elektro AUTOMATION: Herr Stern – vielen Dank für das interessante Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Kontakt

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Yaskawa Europe GmbH
Eschborn
Tel. +49 6196 569-500
www.yaskawa.eu.com
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