Interview zu 50 Jahre Schaltschrank-Knowhow Ein halbes Jahrhundert und kein Ende - wirautomatisierer

Interview zu 50 Jahre Schaltschrank-Knowhow

Ein halbes Jahrhundert und kein Ende

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Das Unternehmen Rittal feiert Jubiläum und damit nicht nur ein halbes Jahrhundert Expertenwissen im Schaltschrank-Bereich, sondern auch das Vorantreiben und Innovieren der entsprechenden Technologien. Was die vergangenen 50 Jahre geprägt hat und welche Entwicklungen die Zukunft prägen werden, dazu befragte die Redaktion Firmenchef Friedhelm Loh.

elektro Automation: Zunächst Glückwunsch zu 50 Jahren Rittal und einer bemerkenswerten Unternehmensentwicklung, die die bescheidenere Anfangszeit in Vergessenheit geraten lässt. Wie war damals die Marktsituation im Schaltschrank-Bereich und mit welchen Ideen wurde die Basis für den heutigen Erfolg gelegt?

Loh: Die sechziger Jahre waren eine bewegte Zeit für Deutschland und auch für Rittal. Es war die Dekade der Automatisierung, die mit elektrischem Schalten, Regeln und Steuern die Ära der industriellen Elektrotechnik einleitete. Damals genügte meinem Vater Rudolf Loh, der Rittal 1961 gründete, ein Hinweis aus dem Elektrogroßhandel, um bei ihm die letztlich zündende Idee auszulösen. Eine Idee, auf der auch heute noch der Erfolg von Rittal basiert. Damals gab es nur „Blechkästen“, die dem Schutz von elektrischen Steuerungen dienten und die in Handarbeit zu hohen Preisen, langen Lieferzeiten und manchen Qualitätsrisiken hergestellt wurden. Meinen Vater faszinierte die Idee, einen „Serienschaltschrank sofort ab Lager lieferbar“ zu produzieren. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los – selbst nicht, als befreundete Manager aus der Industrie ihm davon abrieten. Bestärkt wurde er vom Interesse kleinerer, lokaler Kunden. Zunächst war jedoch sein Durchhaltewillen gefordert. Denn Erfolge stellten sich nur zögerlich ein, es gab immer wieder Rückschläge. Mein Vater verstand es aber, seine Mitarbeiter auch in dieser Anfangsphase zu begeistern und immer wieder zu Höchstleistungen zu motivieren. Und so gelang schließlich – nach zehn Jahren – der erste große Durchbruch: VW machte 1971 Rittal-Standard-Schaltschränke zum Werksstandard und damit zur Vorschrift für alle Lieferanten. In den folgenden Jahren zogen zahlreiche deutsche Automobilhersteller nach. Der Serien-Schaltschrank hatte sich etabliert.
elektro Automation: Welches sind für Sie die wichtigsten Meilensteine in der Firmenhistorie von Rittal?
Loh: Es gibt zahlreiche Meilensteine in der Innovationsgeschichte von Rittal. Der erste und sicher wichtigste ist bereits im Gründungsjahr 1961 zu suchen: Damals starteten wir als erster und einziger Hersteller weltweit die Produktion des ersten Standard-Schaltschranks in Großserie. Dies löste eine Revolution im Schaltschrankbau aus – die übrigens bis heute rund um den Globus ihre Nachahmer findet. Das Jahr 1969 markiert eine weitere Innovation, die bis heute unübertroffen ist: den anreihbaren Schaltschrank in Gerüstbauweise. Für den vormontierten modularen Reihenschaltschrank RS gab es darüber hinaus einiges an Zubehör. All dies brachte enorme Vorteile beim individuellen Innenausbau. 1985 führte Rittal dann das Perfektschaltschrank-System PS 4000 ein. Das System übertraf den RS mit einem Vielfachen an Zubehör. Damals gab es nichts Vergleichbares am Markt. Kein Wunder, dass er zum Weltstandard mit millionenfach verkauften Exemplaren wurde. Der PS 4000 war bald in der Pole Position. Daraus konnte ihn nur eine weitere Eigenentwicklung verdrängen: der Top-Schaltschrank TS 8. Mit mittlerweile rd. 7,7 Mio. Exemplaren ist er heute der Weltstandard. Ein weiterer technologischer Meilenstein gelang Anfang der neunziger Jahren bei der System-Klimatisierung. Damals waren wir der erste Großserienhersteller, der alle Schaltschrank-Kühlgeräte auf FCKW-freie Kältemittel umstellte – und zwar noch bevor der Gesetzgeber dies forderte. Und es hagelte weiter Innovationen: Mit Komponenten für IT-Infrastruktur und Rechenzentren hatten wir nach und nach neues Terrain erobert und neben der Industrieelektrik ein weiteres Standbein geschaffen. Im Jahr 2005 brachten wir dann erstmals mit RimatriX5 eine Komplettlösung für den Aufbau sicherer Rechenzentren auf den Markt. Auf den Frühjahrsmessen Cebit und Hannover Messe demonstrieren wir auch 2011 unseren Führungsanspruch: Rittal zeigt Rechenzentren in vier Dimensionen: vom Plug& Play-Mikro-Rechenzentren über Containerlösungen und energieeffiziente Data Center bis hin zu einem komplett autarken Rechenzentrum. All dies – plus Planung, Generalunternehmerschaft und Service – bietet Rittal heute aus einer Hand. Der Übergang zum Systemanbieter ist mittlerweile in allen Produktbereichen vollzogen. Mit „Rittal – Das System.“ sind wir der einzige Anbieter weltweit, der neben bestens aufeinander abgestimmten Produkten auch umfangreiche Softwaretools und Services bietet. Passgenaue Lösungen sowohl für die Energiehauptverteilung, Automatisierung und Gebäudeinstallation als auch für die Netzwerktechnik und Data Center lassen sich so erstellen. Damit ist unsere Innovationsge-schichte aber noch lange nicht am Ende. Wie unser Jubiläums-Slogan „50 Years – Rittal. Power and Vision!“ schon sagt: Wir haben Power und Visionen und gehen engagiert daran, diese – den Kundennutzen im Blick – umzusetzen.
elektro Automation: Jüngst wurden Sie mit der Diesel-Medaille und mit dem Axia-Award ausgezeichnet. Beides erkennt insbesondere die Innovationsfähigkeit an. Wie wichtig ist Ihnen das Unternehmensmerkmal „Innovationskraft“ und welche Rolle spielen hierbei die Mitarbeiter?
Loh: Das Wachstum der Friedhelm Loh Group, dessen größtes Tochterunternehmen Rittal ist, ist durch die immense Inno-vationskraft bei Produkten und Produktionen getrieben. Natürlich spielen unsere Mitarbeiter dabei eine ganz entscheidende Rolle. Strategisch wichtige Erfindungen wie die des Serien-Schaltschranks gehen auf das Konto von Rittal und haben die Art und Weise, wie Produkte gefertigt werden, nachhaltig verändert. Dahinter stecken vie-le kreative Köpfe mit Weitblick und der Fähigkeit zur Innovation. Beim Innovationsprozess setzen wir insbesondere auf den interdisziplinären Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen und beziehen bewusst nicht-technische Bereiche mit ein. Wichtig ist darüber hinaus der intensive Kontakt zu Kunden, Partnern, Lieferanten und Forschungsinstituten, die bereits frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert werden und als wichtige Impulsgeber dienen.
elektro Automation: Innovation wird meist mit Produktentwicklungen in Verbindung gebracht, bedeutet aber auch Ablauforga-nisation und vor allem Kundenservice. Wie hat sich die Bedeutung des Service in den vergangenen Jahren entwickelt?
Loh: Der mechanische Schutz von Elektrotechnik und Elektronik fordert heute mehr als nur ein Gehäuse. Gefragt ist das umfassende Lösungsangebot. Unsere Kunden suchen Partner, die sie von der Planung über das Engineering, die Testaufbauten, die Nullserienzertifizierung, internationale Approbationen bis zur Auslieferung des Produkts und einem auf der ganzen Welt gesicherten Service nachhaltig und hoch kompetent begleiten. Den Kunden noch intensiver betreuen, die komplette Prozesskette vor Ort durchleuchten und Einsparpotenziale aufzeigen – das sind die Hauptaufgaben der Systemberatung, die Rittal vor einem Jahr gegründet hat. Rückgrat dieses neu geschaffenen System Consulting bildet eine Abteilung mit Experten, die im intensiven Dialog mit dem Anwender Optimierungsmöglichkeiten aufspüren.
elektro Automation: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Rittal-Wandel vom Komponenten- hin zum Systemlieferanten?
Loh: Der Wandel war ganz entscheidend für uns. Wer weltweit marktführend sein will und bleiben möchte, muss ein umfassendes Leistungsspektrum bieten. Und das tun wir mit „Rittal – Das System.“. Heute sind wir ein weltweit führender Systemanbieter für Schaltschränke, Stromverteilung, Klimatisierung sowie Software & Service. Dabei gehören zum breiten Leistungsspektrum auch Komplettlösungen für modulare, energie- effiziente Rechenzentren, vom innovativen Sicherheitskonzept bis zur physikalischen Daten- und Systemsicherung der IT-Infrastruktur. Schließlich ergänzen die disziplinübergreifenden Engineering-Lösungen der Schwesterunternehmen Eplan und Mind8 die Rittal-Systemlösungen auf ideale Weise.
elektro Automation: Welches sind aktuell und mittelfristig Ihre wichtigsten Zielbranchen und welche Bedeutung hat derzeit der Maschinen- und Anlagenbau?
Loh: Systemlösungen von Rittal kommen praktisch in allen Industrien zum Einsatz. Unsere wichtigste Branche ist der Maschinen- und Anlagenbau. Aber auch die Automobil- und Elektroindustrie sowie die Informations- und Telekommunikationsbranche sind für uns entscheidend. Hinzu kommen neue Märkte wie die Erneuerbaren Energien.
elektro Automation: Wie stark zeigt sich für Sie die Tendenz des Zusammenwachsens der IT-Welt und der Industrie – die sich ja auch auf der Hannover Messe im Rahmen von Industrial IT widerspiegelt – und wie reagiert Rittal darauf?
Loh: Schon seit vielen Jahren arbeiten bei Rittal die Geschäftsbereiche Industrie und IT sehr eng zusammen. Unser TS-8-Schaltschrank beispielsweise ist in der Industrie seit Langem etabliert, und im IT-Sektor leistet er als Netzwerk-Schrank oder IT-Rack hervorragende Dienste. Anderes Beispiel: Unser Wissen in der Industrieklimatisierung hat dazu beigetragen, dass wir schnell und überzeugend auch in das Geschäftsfeld IT Cooling einsteigen konnten. So wurden Liquid Cooling Packages zunächst dafür entwickelt, Rechenzentren zu kühlen. Heute sind diese flüssigkeitsbasierten Kühlgeräte auch für die Industrie interessant.
elektro Automation: Paradebeispiel China: Hier sind einerseits hohe Wachstumsraten erreichbar, andererseits wird die chinesische Industrie längst nicht mehr nur durch Plagiate zu einem ernsthaften Wettbewerber. Wie schätzen Sie diese Situation ein?
Loh: Rittal als innovativer Trendsetter und Marktführer bei vielen IT- und Industrielösungen, die mittlerweile als Standard fungieren, befindet sich permanent im Fokus dubioser Kopierer. Erst kürzlich erhielt der chinesische Hersteller HKM den „Plagiarius“-Preis, weil er eine 1:1-Kopie unseres TS-8-Schaltschranks herstellte – allerdings in einer deutlich minderwertigen Qualität. Auf diese Weise lässt sich Aufmerksamkeit für dieses wichtige Thema erzielen. Generell sehe ich hier aber vor allem die Politik gefordert. Unzählige Chinesen studieren heutzutage Ingenieurwissenschaften, und es ist längst nicht mehr so, dass nur noch kopiert wird. Wie jeden Wettbewerb nehmen wir auch den aus Fernost sehr ernst. Wir begegnen ihm durch kurze Innovationszyklen und eine permanente Kundenorientierung.
elektro Automation: Welche Marktaspekte sehen Sie weltweit in den kommenden Jahren als Wachstumstreiber bzw. als Risikofaktoren?
Loh: Einer der Wachstumstreiber ist klar die Energieeffizienz, also der clevere Einsatz von Energie. Das hat auch die Bundesregierung vor dem Hintergrund des Klimaschutzes erkannt und mit ihrem Energiekonzept 2050 im September ein großes Maßnahmenpaket verabschiedet. Smart Grids spielen auch eine große Rolle. Fragen, wie Energie sinnvoll transportiert, effizienter eingesetzt und immer an den richtigen Orten – Stichwort Elektromobilität – verfügbar ist, sind große Herausforderungen. In all diesen Zukunftsfeldern bietet Rittal übrigens schon heute Lösungen an. Als Risikofaktoren sehe ich die Ressourcenverknappung und den demografischen Wandel mit einem einhergehenden Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Der Ressourcenverknappung setzen wir unsere energieeffizienten Lösungen entgegen und denken über alternative Werkstoffe nach. Und hinsichtlich Fachkräftemangel legen wir schon immer sehr großen Wert auf die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter.
elektro Automation: 50 Jahre in die Zukunft zu blicken, ist sicher zu weit gegriffen. Aber wie sehen Sie das Unternehmen Rittal in fünf oder zehn Jahren?
Loh: Wir sind in unseren Geschäftsfeldern bestens positioniert, international aufgestellt, verfügen über eine umfangreiche Expertise, ein modernes Produktportfolio sowie eine hervorragend ausgebildete und motivierte Mannschaft. Daher bin ich fest davon überzeugt, dass Rittal weiterhin erfolgreich ist und den Herausforderungen mit immer neuen marktgerechten Lösungen begegnet. Wir ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus, sondern werden weiter im Markt angreifen und unsere Kunden mit innovativen Produkten überraschen. So viel sei verraten: Für die Bereiche Mechanik, Klima, Power und IT werden wir durchgängige intelligente Systemlösungen vorstellen mit einem deutlichen Mehr an Kosten- und Energieeffizienz.
zg
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