Phoenix-Contact verbindet OT und IT

CTO Roland Bent zur Strategie von Phoenix Contact

An der Schnittstelle OT zu IT

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Wir wollen die Schnittstelle zwischen dem Shopfloor und der IT-Welt gestalten, betont Roland Bent, Chief Technology Officer und Mitglied der Geschäftsführung von Phoenix Contact, im Interview mit der elektro AUTOMATION. Zentrales Element dieser Strategie ist die PLCnext Technology, mit der sich die Sicherheit einer deterministisch arbeitenden Industriesteuerung verbinden lässt mit der Offenheit und Flexibilität aus der Welt der Smart Devices. Auch zu OPC UA TSN nimmt Bent Stellung.

Interview: Michael Corban und Andreas Gees, Chefredaktion elektro AUTOMATION

elektro AUTOMATION: Herr Bent, Phoenix Contact hat sich eine Agenda 2023 gegeben – welche Ziele verfolgen Sie damit?

Bent: Wir setzen sehr stark auf das Thema Lösungskompetenz. Sprich die Fähigkeit, in spezifischen Industrieanwendungen unseren Kunden mehr zu bieten als ‚einfache‘ Produkte. Will heißen: Mehrere Produkte kombiniert, zusammen mit Software und ergänzt durch Dienstleistungen ermöglichen es unseren Kunden, die Chancen der Digitalisierung zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen. Diese Applikationskompetenz bieten wir für die Fabrikautomatisierung, die Prozesstechnik sowie die Bereiche Infrastrukturen und Energie an – auch mit der entsprechenden personellen Aufstellung. Speziell in der Energiewirtschaft liegen also nicht nur die Wurzeln von Phoenix Contact, sondern im Thema ‚smarte Netze‘ liegt auch ein wichtiger Teil unserer Zukunft. Das war auch der Grund für die Übernahme der Mauell Netzleittechnik, jetzt Phoenix Contact Energy Automation.

elektro AUTOMATION: In der Industrieautomatisierung versuchen Unternehmen wie Amazon, IBM, Google oder SAP Fuß zu fassen – teilweise bis hinab in die Feldebene. Entstehen hier neue Wettbewerber?

Bent: Exemplarisch werden hier die Chancen und Risiken der digitalen Transformation sichtbar. Entscheidend ist: Eine Gefahr entsteht für den, der sich passiv verhält und nichts ändert. Wenn man sich allerdings in die Position bringt, aktiv zu gestalten – genau das ist der Ansatz von Phoenix Contact –, entstehen neue Chancen, beispielsweise durch Kooperation. Für uns heißt das ganz konkret: Wir wollen die Schnittstelle zwischen dem Shopfloor – also der Welt, in der wir zuhause sind – und der Welt der Informationstechnologie, der Data Analytics und datenbasierten Geschäftsmodelle selbst in die Hand nehmen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil IT-Unternehmen zwar die softwaretechnische mathematische Umsetzung der Datenanalyse beherrschen, ihnen aber das Anwendungs-Know-how fehlt, das domänenspezifische Wissen, welches wir bieten können. Wir glauben, dass genau das auch unsere Kunden von uns erwarten.

elektro AUTOMATION: Bei all dem wird das Thema Software eine wichtige Rolle spielen – ist das der Grund, warum Phoenix Contact 2001 KW-Software übernahm, seit 2015 firmierend als Phoenix Contact Software?

Bent: Exakt – die Relevanz dieser Software-Kompetenz für uns zeigt deutlich unsere neue PLCnext Technology. Die Grundidee ist, die Sicherheit einer deterministisch arbeitenden Industriesteuerung zu verbinden mit der Offenheit und Flexibilität, die wir aus der Welt der Smart Devices kennen. Der Vorteil ist: Damit wird es möglich, eine Vielzahl von Anwendungen in der Steuerung auszuführen. Deswegen war es auch ein weiteres wichtiges Ziel, dem Anwender bei der Wahl der Programmiersprache die Wahl zu lassen. Funktionen nach IEC 61131-3 lassen sich auf diese Weise mit Routinen geschrieben in C/C++ oder C# sowie aus Matlab Simulink kombinieren; bei den Tools können also auch Visual Studio, Eclipse, Matlab Simulink oder PC Worx Engineer verwendet werden. Anders formuliert: Ich bin frei, zunächst die regelungstechnische Aufgabe zu beschreiben, um dann den Steuerungscode zu generieren; mit den Tools meiner Wahl und zeitlich unabhängig voneinander – so dass verschiedene Entwickler im Team arbeiten können. Dennoch bleibt am Ende die Deterministik erhalten!

elektro AUTOMATION: Deswegen sprechen Sie bezüglich der PLCnext Technology auch von einer offenen Entwicklungsplattform…

Bent: …mit der wir den entscheidenden Schritt in die Industrie-4.0-Welt gehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass unser Automatisierungsangebot bereits die Konnektivität zur Cloud bietet – und sich damit ‚Apps‘ beziehungsweise neue Funktionalitäten in die Steuerung laden und ausführen lassen. Das erlaubt auf der technischen Ebene die intelligente Vernetzung von Maschinen und Menschen bis hin zur Realisierung neuer Geschäftsmodelle, Prozesse und Produkte. PLCnext Technology ist die Technologieplattform, auf der sich zuverlässig laufende Echtzeit-Anwendungen kombinieren lassen mit Funktionalitäten, die ohne Echtzeit auskommen.

elektro AUTOMATION: PC Worx Engineer hat also als Engineering-Plattform weiterhin Bestand?

Bent: Auf alle Fälle – wir werden unser Programmiersystem auch weiter anbieten und ausbauen. Der Anwender kann unsere Steuerungen damit weiterhin im klassischen IEC-61131-3-Umfeld nutzen. Gleichzeitig decken wir Themen wie Cloud-Connectivity und Security ab – und wir arbeiten an der Integration einer Sicherheitssteuerung, um auch Aspekte der Funktionalen Sicherheit adressieren zu können. Damit lassen sich dann sichere und nicht-sichere Automatisierung aus einer Engineering-Umgebung heraus bearbeiten – dass wir mit diesem Ansatz nicht ganz falsch liegen, zeigen momentan die Aktivitäten anderer Anbieter.

elektro AUTOMATION: Wie weit sind denn die zur SPS IPC Drives 2017 vorgestellten Pläne für einen App-Shop im Web inzwischen gediehen?

Bent: Hier sind wir noch in der Phase der Umsetzung – arbeiten aber mit Partnern zusammen daran, hier künftig anwendungsspezifische Apps bereitzustellen, mit denen der Anwender Aufgaben sehr schnell lösen kann. Das Interesse ist groß, was sich an der Anzahl an Interessenten und Kontakten zu diesem Thema zeigt.

elektro AUTOMATION: Welche Bedeutung hat denn in diesem Zusammenhang das Thema Künstliche Intelligenz (KI) oder zunächst das Maschinelle Lernen für Phoenix Contact? Wie weit wollen Sie selbst Tools für die Datenanalyse anbieten?

Bent: Hier ist zu unterscheiden zwischen dem eigentlichen Analysetool, mit dem sich Daten auswerten lassen, und der applikationsspezifischen Anwendung der auf diese Weise gewonnenen Daten. Unsere Kompetenz liegt darin, in der konkreten Anwendung Analysetools zu nutzen und die Erkenntnisse zur Anwendung zu bringen. Konkreter: Wenn ich Anomalien einer Windkraftanalge erkennen kann, muss ich auch wissen, welche Bedeutung diese haben und wie ich letztlich steuerungstechnisch eingreifen kann – hier liegt unsere Stärke, zusammen mit den Kunden Analysewerkzeuge zu nutzen. Dieses Applikations-Know-how bauen wir einerseits bei uns im Haus auf, andererseits ist genau das auch das Ziel der eben angesprochenen Zusammenarbeit mit Partnern bezüglich des Angebots spezifischer Apps. Wir sehen uns als technologischer Brückenbauer – an der Schnittstelle zwischen Shopfloor und Data Analytics.

elektro AUTOMATION: Ist das auch die Motivation für die Proficloud, Ihr Cloud-Angebot?

Bent: Ja, denn mit der Cloud-Plattform und mittels spezieller Software-Developer-Kits lassen sich Applikationen des Anwenders oder von Dritten nutzen – auch Data-Analytics-Tools, beispielsweise auch über eine Proficloud-Kopplung zu anderen Cloud-Plattformen. Entscheidend ist aus unserer Sicht: Die Kopplung zur Proficloud ist immer sehr leicht möglich und wenn wir über die PLCnext Technology sprechen, ist die technische Kopplung immer bereits enthalten. Wir sind die Experten für die ‚Schnittstelle‘ und bieten mit unserer Plattform die Offenheit, die Steuerungswelt mit der Vielfalt der IT-Welt zu verbinden – genau das legt die Grundlage für Industrie 4.0.

elektro AUTOMATION: Damit lassen sich dann Maschinen realisieren, die im Laufe ihres Einsatzes auch Produkte herstellen können, an die man beim Aufbau der Maschine noch gar nicht gedacht hat – so haben Sie selbst das einmal beschrieben?

Bent: Ich habe das Beispiel damals bewusst gewählt, weil es sehr plakativ die Adaptionsfähigkeit, die Wandlungsfähigkeit der Maschinen in der Industrie 4.0 beschreibt. Voraussetzung ist hier, dass die Schnittstellen eindeutig beschrieben sind und eine Maschinensemantik existiert, mit der sich die Herstellung der Produkte beschreiben lässt. Das ist eines der Themen auf der Hannover Messe: Im automatisierten Schaltschrankbau arbeiten wir ja zusammen mit Rittal und Eplan an der Durchgängigkeit – etwa an der Frage, wie ich aus der Elektroplanung zur individualisierten Klemmleiste komme. Über die hinterlegten Daten wird diese als digitaler Zwilling abgebildet, wozu wir Standards wie eCl@ss Advanced und AutomationML verwenden. Auf diese Weise können wir bereits eine hohe Vielfalt individualisierter Klemmleisten fertigen. Dieses Modell, dieser digitale Zwilling, lässt sich dann natürlich auch im virtuellen Schaltschrank nutzen. Wir glauben, dass die Kombination eCl@ss plus AutomationML eine gute Chance hat, sich zumindest als einer der Standards in der Industrie-4.0-Welt durchzusetzen.

elektro AUTOMATION: Wenn man von Industrie-4.0-Standards spricht, darf sicherlich OPC UA nicht fehlen – insbesondere dann, wenn sich dieses Protokoll mittels Time-Sensitive Networking (TSN) für die Echtzeitkommunikation eignet…

Bent: …weswegen Phoenix Contact inzwischen auch der herstellerübergreifenden Kooperation zum Thema OPC UA TSN beigetreten ist, denn aus unserer Sicht hat TSN eine große Zukunft vor sich – zumal es auch aus technischer Sicht die universelle Lösung für Industrie 4.0 sein könnte bis hinab in die Feldebene (Anm. d. Red.: siehe dazu auch Trendinterview elektro AUTOMATION 1-2/2018, S. 26ff: ‚Layer 2 oder Königsweg in die Zukunft‘). Die Frage ist jetzt, wie die Profile aussehen, auf denen man aufbaut und wie die oberen Schichten der Kommunikationshierarchien aussehen – deshalb engagieren wir uns bei den Themen OPC UA und OPC UA mit TSN. Nicht weniger engagiert sind wir aber auch bei Profibus & Profinet International (PI) bezüglich der Frage Profinet mit TSN. Letzteres ist allein schon mit Blick auf den Investitionsschutz für unsere Kunden wichtig.

elektro AUTOMATION: Könnte OPC UA TSN denn Profinet eines Tages ablösen – immerhin zeigen erste Tests, dass sich OPC UA TSN nicht nur für den Einsatz ab der Synchronisation auf Zellebene eignet, sondern auch in der Zelle selbst?

Bent: Das lässt sich heute noch nicht beantworten – weswegen wir bewusst zweigleisig fahren und die technologische Offenheit in den Vordergrund stellen. Wir wissen aber, dass man mit Profinet auf TSN eine ganze Menge erreichen kann, ohne Änderungen an den Schnittstellen in den Geräten. Für uns ist an dieser Stelle der Investitionsschutz für unsere Kunden wichtig. Auf alle Fälle sind wir aber bei beiden Entwicklungen dabei.

elektro AUTOMATION: Lassen Sie uns auf das Unternehmen blicken: Wie weit ist Phoenix Contact selbst bei der Umsetzung der Digitalisierung?

Bent: Das läss sich schwer in harten Zahlen ausdrücken, entscheidend ist: Wir sind auf dem Weg und beschäftigen uns sehr intensiv und konkret mit dem Thema Industrie 4.0. Von Beginn an begleiten wir die Aktivitäten der Plattform Industrie 4.0, bis auf das Thema Recht sind wir dort in allen Arbeitskreisen vertreten. Für uns selbst haben wir im Rahmen der Agenda 2023 eine Strategie zur digitalen Transformation erarbeitet. So existiert ein Steuerkreis Industrie 4.0, der direkt an die Geschäftsführung berichtet oder von ihr geführt wird. Er umfasst alle wesentlichen Unternehmensbereiche. In der darunter liegenden Umsetzungsebene sind Leuchtturmprojekte definiert, mit deren Hilfe wir Erfahrung sammeln können. Das umfasst beispielsweise die Erzeugung digitaler Zwillinge für unsere Produkte genauso wie die digitale Schnittstelle zu unseren Kunden oder das Pilotprojekt Arbeit 4.0. Ziel ist hier, Mitarbeiter auf solche neuen Strukturen in übergreifenden Produktionsprozessen vorzubereiten. Das erfordert interdisziplinäres Verständnis, das wir in der Aus- und Weiterbildung vermitteln wollen.

elektro AUTOMATION: Möchten Sie uns abschließend noch die Frage beantworten, ob Phoenix Contact mittelfristig eher Software als Hardware anbietet?

Bent: Wir wollen beides anbieten, wobei Software ganz klar ein wichtiger werdender Teil des Geschäftsmodells ist. Dementsprechend werden wir auch in zehn Jahren noch viele Klemmen verkaufen, wobei allerdings auch das digitale Abbild in der durchgängigen Wertschöpfungskette für den Schaltschrankbau an Bedeutung gewinnt. Zudem wird generell im Maschinenbau immer mehr Funktionalität in der Software stecken, was wiederum die Geschäftsmodelle verändert – Software muss dann auch entsprechend abgerechnet werden. Gleichwohl werden wir auch in zehn Jahren nicht nur Software verkaufen – wir werden auch weiterhin ein produzierendes Unternehmen bleiben. Unser Ziel ist, Hard- und Software anzubieten.

www.phoenixcontact.de

Weiterführende Infos zur PLCnext Technology:

http://hier.pro/7b2lg


„Mit PLCnext Technology bieten wir den Türöffner in die Industrie-4.0-Welt – offen, flexibel, erweiterbar; als Kollaborationsplattform für Entwickler aus SPS- und IT-Welt.“

Roland Bent, Chief Technology Officer und Mitglied der Geschäftsführung, Phoenix Contact GmbH & Co. KG
Bild: Thomas Franz/Konradin Mediengruppe

„Wir sind die Experten für die ‚Schnittstelle‘ zwischen Steuerungswelt und der Vielfalt der IT-Welt – genau das legt die Grundlage für Industrie 4.0.“

Roland Bent, Chief Technology Officer und Mitglied der Geschäftsführung, Phoenix Contact GmbH & Co. KG
Bild: Thomas Franz/Konradin Mediengruppe
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